Sonntag, 15. Juli 2012

Oma`s Bettwäsche oder meine Tick-Tack-Oma Mimie


Manchmal überkommt mich ein Anflug von Nostalgie (nicht nur beim Fernseher), sondern so ganz allgemein. Ich habe ja so wieso einen Faible für alte Dinge, was vielleicht daran liegt, das ich bei meiner Ur-Oma groß geworden bin. Ich habe nicht bei ihr im Haus gewohnt, aber gleich nebenan (mit meinen Eltern und meinem Bruder versteht sich). Meine Tick-Tack-Oma war schon über achtzig als ich auf die Welt kam. Ich habe mit ihr eine herrliche Kindheit verbracht, nicht nur, dass man bei Oma`s (oder Ur-Oma`s) fast alles darf was zu Hause verboten ist, bei ihr zu Hause war die Zeit auch irgendwie stehen geblieben. Bei ihr gab es keinen Fernseher und der hat auch nicht gefehlt, denn bei Oma haben wir "Mensch ärgere dich nicht" oder "Schwarzer Peter" (da hab ich manchmal ein wenig geschummelt) gespielt oder "Mau-Mau". Und wir hatten einen Heidenspass dabei. Übrigens: ein Radio gab es, das stand in der Küche, aber es war nie an und ich habe mich oft gefragt, ob es überhaupt funktioniert. Als ich noch ganz klein war, da war die Toilette noch im Stall (Kühe hatte sie da aber keine mehr), ganz hinten und im Winter war es ars...kalt (im wahrsten Sinne des Wortes). Unter ihrem Bett stand immer ein "Pieker-Pott" (ein Nachttopf), den sie aber nie benutzt hat. Eine Waschgarnitur (Schüssel und Wasserkrug) stand auf der Kommode im Schlafzimmer.  Später hatte sie dann ein richtiges Bad im Haus (mit Badewanne).


Der Tagesablauf meiner Oma (wenn ich das schreibe, ist damit meine Ur-Oma gemeint) war immer der Gleiche und hatte einen fast rituellen Ablauf. Morgens um 5.45 Uhr wurde aufgestanden, einen Wecker brauchte sie nicht, dass hatte sie im Gefühl. Dann wurde in der Küche der Ofen klar gemacht, denn sowas wie eine Heizung gab es nicht (die Wärme von einem Ofen ist auch viel molliger). Dann wurde das Kaffeewasser aufgesetzt und das Frühstück vorbereitet und es gab jeden Morgen das Gleiche:1 Ei, 1 Stück Schwarzbrot: 1 halbes mit Käse und ein halbes mit Wurst und 1 Stück Weißbrot mit Lüll (es musste immer Erdbeere sein). Ihr fragt Euch jetzt bestimmt, was Lüll ist. Lüll ist ein platt-deutscher Ausdruck und bedeutet Marmelade.

 Danach ging sie in Tuun ( für alle, die kein Platt sprechen, das heißt Garten). Da wurde dann ein bisschen Unkraut gejätet, die Bohnen wurden "besprochen", der Salat wurde kontrolliert und dann war es auch schon wieder Zeit Tee zu trinken, Punkt 10 Uhr! Da gab es kein Vertun! Ordnung muss sein und die Teezeit ist in Friesland heilig! Danach ging es wieder in Tuun oder kurz vors Haus, mal sehn, wen man da so trifft, dann wurde erst mal ein Klön-Schnack gehalten. Stress war ein Fremdwort, da wusste meine Oma nicht mal, dass es sowas gibt. Tja, und wie die Zeit vergeht, dann war es auch schon Mittag, genau um 12 Uhr! Dann hatte das Essen auf dem Tisch zu stehen. Das war die Aufgabe meiner Groß-Tante Hanna, die mit im Haus wohnte und für das Mittagessen zuständig war, denn meine Oma war keine begnadete Köchin, um nicht zu sagen, sie konnte nicht kochen (mochte aber gerne essen).


Meine Tante hingegen konnte wunderbar kochen, vor allem die echt friesischen Gerichte w.z.B.; Birnen und Hüdel, Schnibbelbohnen, updrögt Bohnen, Panbeusis und dazu Rhabarbersuppe. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen , wenn ich nur daran denke.


Nach dem Mittagessen wurde eine Mittagsstunde gehalten, bis 14 Uhr, dann kam der Zeitungsjunge und warf die Zeitung in den Flur (die Haustür war nie!!!!! abgeschlossen). Tja, und dann war es auch schon wieder Zeit Tee zu machen. Die Zeitung (das Jeversche Wochenblatt) war mit das Wichtigste des Tages und dann hatte Ruhe zu herrschen (da musste selbst ich mich dranhalten). Schließlich ging sie noch wieder in Tuun und um 18 Uhr (pünktlich!!!!) gab es Abendbrot (genau wie das Frühstück, nur ohne Ei) und dazu een moje Tass Tee. Danach haben wir dann noch oft gespielt oder auch plattdeutsche Lieder gesungen. Eine herrliche Zeit. Gegen 20 Uhr kam dann das all abendliche Ritual : meine Oma öffnete den Kühlschrank, holte die Flasche mit dem Korn raus und nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Das war die einzige Medizin, die sie brauchte, aber immer nur einen Schluck!!!!



Meine Oma kannte weder Stress noch Hektik, sie war nie krank und brauchte auch mit über neunzig keine Brille und kein Hörgerät (was sie nicht hören wollte, hörte sie eben nicht). Meine Oma wusste nicht was ein Burn-out ist und das es Depressionen gibt. Ich glaube, das lag daran, weil ihr Tagesablauf streng aufgegliedert war, sie aber trotz alledem ohne Uhr lebte, alles dauerte so lange wie es dauerte, man ließ sich Zeit, lebte mit Muße. Sie hatte nie das Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden, hatte bis ins hohe Alter eine Aufgabe und war nie alleine. UND : sie hatte keinen Fernseher, wo wir heute stundenlang vorsitzen und uns berieseln lassen. Man hat noch mit einander gesprochen, sich unterhalten, man war nicht so sprachlos wie das heute oft der Fall ist.



So weit dazu! Was ich eigentlich erzählen wollte :letzte Woche hatte ich mir vorgenommen, die Betten zu überziehen und stehe so vor dem Schrank und überlege, welche der Bettwäschen ich aufziehen soll. Dabei bleibt mein Blick an der meiner Oma hängen, womit mir dann die Entscheidung abgenommen wurde. Also wurde Oma`s Bettwäsche mal wieder hervorgeholt. Was mir dabei einfällt : wenn ich bei meiner Oma geschlafen habe, hat es mir immer einen Riesenspass gemacht an der Strippe zu ziehen, die in der Mitte vom Ehebett hing, mit der man das Licht an und aus machen konnte. Kennt Ihr das auch noch? Ich finde, das war eine tolle Erfindung, man musste nicht aus dem Bett hüpfen, um das Licht zu löschen. Gibt es heute bestimmt nicht mehr, oder? Wie dem auch sei, jetzt kennt Ihr auch meine Ur-Oma Mimie.




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