Dienstag, 30. Oktober 2012

Mein erstes Jahr in der Schweiz

Die Bilder werden durchs Anklicken gross



Ich kann es gar nicht glauben, ich lebe seit einem Jahr in der Schweiz. Vor 12 Monaten habe ich mein Leben in Deutschland zurückgelassen und habe hier ganz neu angefangen, zusammen mit meinem Mann.
Wir haben nach 44 bzw. 46 Jahren unsere Heimat verlassen, sind ausgewandert.
Sicher, wir haben diesen Schritt nicht freiwillig gemacht, wir mussten. Wir hatten keine andere Wahl. Mein Mann hat seinen Arbeitsplatz verloren oder wie das heute so lapidar heißt, er hat einen Job verloren, nach über 20 Jahren hat die Raffinerie geschlossen und die Mehrheit der Mitarbeiter wurde entlassen. Da stellte sich die Frage :"Was nun?". Weder mein Mann noch ich waren auch nur einen Tag arbeitslos in unserem Berufsleben und so sollte es auch bleiben.
Als dann eine Einladung zum Vorstellungsgespräch in der Schweiz kam und dann die Zusage, stand für uns fest, das sich unser Lebensmittelpunkt ändern würde. Die Planung für den Umzug fing an und wenn man ins Ausland zieht muss doch viel organisiert werden, Versicherungen müssen gekündigt werden, ebenso das Zeitungsabo, man muss isch bei den deutschen Behörden abmelden, unser Haus musste vermietet werden,
u.s.w..  Mein Mann ist dann schon Ende August in die Schweiz gegangen. Eine Wohnung mussten wir übers Internet mieten, denn wir konnten ja nicht mal auf die Schnelle hinfahren (es sind immerhin 1000 km). Gott sei Dank ist das gut gegangen, die Wohnung ist wirklich schön, liegt sehr dörflich und wir haben einen herrlichen Blick über die Weiden und auf die Berge.


Blick auf unsere Maidle 

Ich habe dann noch 2 Monate in Deutschland gearbeitet und musste den Umzug mehr oder weniger alleine über die Bühne bringen. Das hat ganz schön Kraft gekostet, denn ich hatte ja einen Vollzeit-Job und dann noch die vielen Telefonate und Behördengänge, die zu erledigen waren. Außerdem fehlte mir mein Mann sehr, denn wir waren vorher noch nie getrennt.
Im September habe ich meinen Mann dann besucht, konnte mir dann endlich unsere neue Wohnung ansehen, die Umgebung und habe mich auf Jobsuche gemacht. Ich habe dann ziemlich bald eine Stelle als stellvertretende Filialleitung gefunden.
Anfang November bin dann auch ich umgezogen. Der Abschied von Eltern, Familie und Freunden und Kollegen fiel schwer. Ich war auch noch nie wirklich von zu Hause weg, außer wenn wir in den Urlaub gefahren sind und nun sollte es auf einmal für (vielleicht) immer sein.
Auch wenn man zu Anfang denkt, es ist ja nur die Schweiz, im Laufe der Zeit merkt man wie groß die Unterschiede doch sind. Die Mentalität der Menschen ist eine ganz andere, die Sprache auch (schwiizerdütsch kann es ganz schön in sich haben), die Berge haben mich fast erdrückt (ich hatte das Gefühl, ich ersticke, denn in unserer Heimat, kann man am Montag sehen, wer am Samstag zu Besuch kommt, so flach ist die Landschaft). Man kennt niemanden, kann sich nicht mal eben irgendwo ausheulen oder sich in den Arm nehmen lassen. Man ist ganz auf sich alleine gestellt und kann auch nicht mal schnell nach Hause fahren.
Zuerst hatte ich viel zu tun, der ganze Papierkram musste erledigt werden, einige Behördengänge standen an und 10 Tage später bin ich auch schon angefangen zu arbeiten. Ich wurde nett aufgenommen und unterstützt, es gab viel Neues zu lernen, denn bislang hatte ich immer in Privatunternehmen gearbeitet und da ist der Ablauf der meisten Dinge anders.
Schnell stand für mich fest, das es nichts für mich ist in einem Konzern zu arbeiten, ich konnte mich einfach nicht damit identifizieren. Ich muss aber auch eingestehen, dass ich sowohl körperlich als auch seelisch an meine Grenzen gekommen war und mein Mann mich dazu überredet hat eine Auszeit zu nehmen.
Das erste mal in meinem Leben war ich ohne Arbeit (und ohne eigenes Geld) und habe gemerkt, dass Geld nicht zwangsläufig glücklich macht und dass es auch noch etwas anderes im Leben gibt als die Arbeit. Nach über 25 Jahren konnte ich mir meinen Tag selber einteilen und entscheiden, was ich machen wollte. Ich hatte nie eine Uhr um und konnte endlich Dinge tun, für die ich sonst nie Zeit hatte. Ich probierte neue Rezepte aus, habe Kuchen gebacken, Pralinen selber gemacht und Likör, bin viel spazieren gegangen und konnte viel Zeit mit meinem Mann gemeinsam verbringen. Ich habe in meiner Auszeit immer wieder Bewerbungen geschrieben. Als Deutsche ist es gar nicht so einfach, denn viele Schweizer denken, man würde die Sprache nicht verstehen und hier ist es auch nicht wie in Deutschland verboten z.B. das Alter in einer Stellenanzeige festzulegen oder es steht klar drin, das keine Deutschen erwünscht sind. Außerdem wollte ich auch nicht irgendeine Stelle annehmen, es sollte DIE richtige Stelle sein. Da ist Geduld gefragt und man darf sich nicht entmutigen lassen. Das Warten hat sich dann auch gelohnt, ich habe eine Stelle in einem kleinen Familienunternehmen gefunden.
Ich bin froh, dass wir diesen Schritt gegangen sind. Ich bin in dieser Zeit viel selbstständiger und selbstbewusster geworden. Ich musste auf Menschen zugehen, meine Komfortzone verlassen, musste ganz neue Wege beschreiten. Ich habe mich endlich von meinen Eltern emanzipiert, treffe Entscheidungen selbst (oder bespreche sie mit meinem Mann).
Ich habe viele nette und interessante Menschen aus verschiedenen Ländern kennen gelernt, bin viel offener und toleranter geworden, denn wir sind jetzt auch Ausländer und sehen vieles mit anderen Augen.
Hier geht alles etwas ruhiger zu, die Menschen sind nicht so hektisch und der Umgangston ist viel freundlicher (auch bei den Behörden). Insgesamt wird doch noch mehr Rücksicht auf einander genommen und die Lebensqualität ist höher.
Wenn ich die Berge jetzt nicht mehr sehe, dann fehlt mir was, ich liebe die herrliche Landschaft hier, die Natur, die hier noch viel unberührter scheint.
Die Schweizer oder viel mehr die Graubündner sind sehr eigenwillig (das sagen sie aber selbst von sich) und etwas eigenbrötlerisch, aber man kommt gut mit ihnen aus.
Nur, wer hofft, mit Schweizern tiefe Freundschaften zu schließen, der wird in der Regel enttäuscht. Wir haben wirklich alles versucht, aber bislang zählen noch keine Schweizer zu unserem Freundeskreis, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.... Aber selbst Deutsche zu finden, die Lust haben mal einen geselligen  Abend zu verbringen, ist schwer ( aber nicht hoffnungslos). Wir haben ein sehr nettes deutsches Ehepaar kennen gelernt, außerdem zählt noch ein Bulgare und eine Italienerin zu unserem Bekanntenkreis. Viele alte Freundschaften in Deutschland schlafen ein, der Kontakt bricht ab, das gilt es zu verschmerzen, aber auch das schafft man.
Das kulturelle Angebot ist nicht ganz so vielseitig, dafür hat man hier viel Natur, kann wandern gehen und Velo fahren, im Winter Ski laufen,......
Wir sind in 1,5 Stunden im Tessin und in Italien, in 1,5 Stunden in Deutschland, in 0,5 Stunden in Liechtenstein und in 1 Stunde in Österreich. Was will man mehr.....?
Mein Mann und ich können schalten und walten wie wir möchten. Wir sind ständig auf Achse, unternehmen sehr viel. Wir sind ruhiger und gelassener geworden und wenn wir mal in Deutschland sind, fallen uns der raue Umgangston und die Hektik zuerst auf.
Ich habe meine Familie jetzt ein Jahr lang nicht gesehen, ich habe kein Heimweh, nur manchmal überkommt mich eine gewisse Sehnsucht, aber das sind Momente... Wäre ich des öfteren nach Hause gefahren, hätte ich  es nicht geschafft, hätte riesige Sehnsucht und Heimweh bekommen.
Jetzt sind "Grüezi" und Ade" normal, hier gibt es eben keinen Fleischsalat und keine Frikadellen, dafür gibt es Capuns und Fleischvögel....
Viele Dinge sind hier ganz anders, wie z.B. die Krankenversicherung oder die Rentenabsicherung, aber nicht alles ist auch besser.
Die Mieten und die gesamten Lebenshaltungskosten sind hier um ein vielfaches höher (manchmal verschlägt es einem die Sprache), wenn wir dann mal in Deutschland sind, fühlen wir uns wie im Paradies bei in Preisen.

Alles in allem fühlen wir uns hier sehr wohl und bereuen den Schritt in die Schweiz gegangen zu sein nicht, sondern haben es als eine große Chance empfunden. Und vielleicht wartet ja schon bald das nächste Abenteuer auf uns.....



Unser Bundespräsident zu Besuch in Chur

Arosa 


Arosa 

Blick vom Brambrüesch 

Arosa, Weisshorn 




Luzern 


Walensee 


Roffla-Schlucht 


Viamala 



Rheinschlucht 


Blick Richtung Domat7Ems 



Chur Altstadt 




Schlagerparade Chur



Bad Ragaz 


Flims, auf dem Conn 




Kommentare:

  1. Ich bin Schweizerin und wohne auch in der Schweiz. Ich arbeite in einem Personalbüro und wir ermöglichen einigen Leuten in die Schweiz zu kommen und suchen denen einen Arbeitsplatz. Ich kann mir sehr gut vorstellen wie das ist in einem fremden Land zu sein. (Habe 1 Jahr in Amerika gelebt) Liebe Grüsse

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  2. Ja, manchmal fehlt einem das Vertraute und eine Spur von Sehnsucht schleicht sich ein, aber das sind zum Glück nur Momente....
    Ophelia

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