Dienstag, 30. Juni 2015

Der allgegenwärtige Störenfried




Man kann schon sagen, dass auf Madeira die Uhren noch etwas anders ticken. Es geht hier gemütlicher und weniger hektisch zu. Man hetzt nicht durch den Supermarkt, hat Zeit für ein Schwätzchen an der Kasse. Und das ist der Punkt.....hier redet man noch miteinander und kommuniziert nicht via Facebook, selbst wenn man nebeneinander sitzt. Man sieht hier kaum Menschen, auch keine Jugendlichen, die gedankenverloren vor ihrem Handy sitzen oder ihren Blick daraufgerichtet durch die Strassen laufen und nicht mal mehr auf den Verkehr achten....
Hier sitzt man im Café und wenn man keinen Gesprächspartner hat, dann guckt man Löcher in die Luft, beobachtet andere Leute und sinniert über das Leben und verliert sich nicht im World Wide Web, wo vieles mehr Schein als Sein ist und man echt von unecht nicht unterscheiden kann.




Männer treffen sich auf einen der vielen öffentlichen Plätze, spielen Karten und philosophieren über das Leben. Man spricht miteinander, man streitet, alles Auge in Auge und nicht übers Internet.
Sicher treffen sich auch bei uns Menschen auf einen Kaffee, aber das Mobil-Telefon liegt auf dem Tisch und das ewige Klingeln und piepen (zer-)stört jedes Gespräch. Man lässt sich nicht mehr auf sein Gegenüber ein, ist ständig abgelenkt und unaufmerksam. Das Ganze hat auch etwas mit Wertschätzung des anderen zutun und wir verarmen emotional immer mehr. Früher kam man im Bus oder im Zug sofort mit jemandem ins Gespräch, heute sitzen alle gedankenversunken vor ihrem Handy, Stöpsel in den Ohren und weggebeamt. Bei so manchem habe ich das Gefühl, er ist gar nicht mehr fähig ein spontanes Gespräch zuführen, was man wohl allgemein als "Small-Talk" bezeichnet, geschweige denn einen Brief (keine E-Mail) zuschreiben (heute wird sich ja darauf beschränkt verschiedene Smilies zu versenden, um so seine Gefühle auszudrücken, bedauernswert, wenn man mich fragt). Ich weiß, ich gehöre irgendwie schon zum alten Eisen und da gehöre ich auch gern hin....





Diese Sprachlosigkeit herrscht auch bei uns im Pausenraum. Früher wurde über das vergangene Wochenende oder den Kinobesuch erzählt, heute ist der erste Griff in die Tasche und es wird nicht die Stulle herausgeholt, sondern das Handy. Es könnte ja eine gaaaaanz wichtige Nachricht darauf sein. Ich frage mich, wie wir früher überlebt haben, ohne Internet und Handy. Eigentlich waren wir lebensunfähig, wir wussten es nur nicht.
Und wenn ich dann lese (auf FB), was für ein Schwachsinn da gepostet wird-Hilfe!!!!! Und die Rechtschreibung-nochmal Hilfe!!!!
Vor ein paar Tagen saß ich im Bus und wartete auf die Abfahrt. Ich schaute aus dem Fenster und sah eine Mutter mit Kinderwagen und ein zweites Kind lief daneben. Sie tippte wie wild auf ihrem Natel (wie der Schweizer sagt), die Kinder waren ihr in diesem Moment egal (und sich selbst überlassen). Ich hatte hingegen Angst, das kleine Mädchen könnte auf die Strasse laufen, die Mutter nicht.
Es wird nicht mehr mit den Kindern geredet und sobald sie in der Lage sind ein Telefon zuhalten, werden sie damit bespaßt, was immer mehr die Regel, denn die Ausnahme ist, ich weiß. ich übertreibe jetzt ein klein wenig  Mich erschreckt das. Erziehen wir da sprach-und gefühllose kleine Menschen heran, die unfähig sind mit anderen zu kommunizieren? Ziehen wir da kleine Erdenbürger groß, die schon im Kindesalter vereinsamen, die nur noch virtuelle Freunde kennen? Die Kleinen wissen eher einen PC zu bedienen, als das sie den Unterschied zwischen einer Kuh und einem Schwein kennen, denn meist wird ja die Technik nicht zum Lernen, sondern zum Spielen irgendwelcher sinnloser Games genutzt, die so stumpfsinnig sind und man nur irgendwelche Tasten drücken muss und sich high spielt. Früher wurde der erste Unterricht im Kinderwagen abgehalten und den Kindern die Welt beim Spazierengehen gezeigt und erklärt, heute muss Mutti Mails lesen und versenden. So ändern sich die Zeiten!
Ich finde diese Entwicklung schrecklich und äußerst bedenklich- Ich habe oft das Gefühl, das viele Menschen schon  Angst vor anderen Menschen haben. Den Blick nicht mehr nach vorne gerichtet, sondern zur Seite und auf den Boden (hoffentlich spricht mich niemand an). Wo führt das noch hin?
Wir sprechen von Vereinsamung und sind noch überrascht....ich besitze im übrigen auch ein Handy, es ist über 10 Jahre alt, nicht internetfähig und man kann auch keine Fotos damit machen. Ich habe eine Prepaid-Karte und wenn ich mal versuche meinen Mann zu reichen, dann hat er sein Handy auf dem Nachtisch liegen.....Ich kenne meine Telefon-Nummer nicht und brauche es nicht wirklich....
Außerdem ist es immer auf lautlos gestellt :-)
Meinem Mann habe ich schon so manches Mal ermahnt, wenn mir das ständige Gepiepse auf die Nerven geht. Dann legt er es endlich weg...


Immer mit der Ruhe :-)


In so manchem Moment komme ich mir auch regelrecht vergewaltigt vor, immer dann, wenn ich den Gesprächen meiner Mitmenschen hilflos ausgeliefert bin und ALLES mit an hören muss, ob ich nun will oder nicht und unfreiwillig Zeuge intimer Gespräche werde oder genötigt  mir den größten Schwachsinn anzuhören (und der Rest im Bus auch). Der Härtefall war, als ich vor ein paar Tagen auf dem Damen-WC eines Warenhauses war und neben mir die junge Frau ihren Handy-Vertrag während des Wasserlassens gekündigt hat, da war sogar ich mal sprachlos und ohne Worte.
Aber das musste jetzt einfach mal gesagt werden....

Euch allen noch einen schönen Tag, Ophelia



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